Nachgedacht
Werben mit Gesundheit?
Was meinen wir in der Fitnessbranche, wenn wir mit Gesundheit werben und Angebote machen, die Menschen auf der Suche nach mehr Gesundheit ansprechen sollen? In welchem definierten Raum von Gesundheit will sich die Fitnessbranche aufhalten bzw. hält sie sich zurzeit auf?
Versteht sie sich eher als Reparaturwerkstatt oder als Gesundheitsförderer im Sinne von Prävention, oder gar beides? Egal welcher dieser Schwerpunkte gesetzt wird beide zielen auf eins ab: auf die Funktion. Entweder darauf, die Funktionsweise des gesamten Bewegungsapparats wiederherzustellen oder darauf, dafür zu sorgen, dass er in einer optimalen Funktion bleibt.
Für viele unserer Kunden ist der Gesundheitsbegriff belegt mit Bildern wie etwa gute Figur, gutes Aussehen, gute Leistungsfähigkeit, Idealgewicht, entspannter Körper, entspannter Geist usw. Konsequenterweise stimmen auch diejenigen Studiobetreiber, die Gesundheit in dieser Weise verstehen, ihre Kursangebote sowohl mit klassischen als auch mit Trendangeboten darauf ab. Sie bedienen ihre Kunden nach ihrer Vorstellung von Gesundheit.
Doch genügen diese Angebote wirklich den Ansprüchen der Menschen der heutigen Zeit? Ist Gesundheit nicht (wieder) ein sehr viel umfassenderer Begriff geworden? Betrachten wir einmal, was die World Health Organization (WHO) zur Jahrtausendwende über das menschliche Bedürfnis nach Gesundheit geschrieben hat. Sie forderte, dass Gesundheit jedem Menschen prinzipiell zugänglich sein sollte. Der erweiterte Gesundheitsbegriff besagt, „dass sowohl Einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen, ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.“ (WHO in Ottawa 1986)
Weiterhin heißt es:
„Gesundheitsförderung umfasst Maßnahmen und Aktivitäten, mit denen die Stärkung und die Potenziale der Menschen erreicht werden sollen.“
„Gesundheitsförderung ist als Prozess zu verstehen, der darauf abzielt, alle Bürger zu verantwortungsbewussten Entscheidungen hinsichtlich ihrer Gesundheit zu befähigen.“
Hier geht es also um Selbstverantwortung und -verwirklichung, um Lebensstil und -kunst, um die Befriedigung der Bedürfnisse von Menschen. Bedürfnisse sind hier nicht defizitorientiert formuliert, sondern wachstumsorientiert, sie sind innere Motivation.
Wenn wir also über Gesundheit in der Fitnessbranche nachdenken und diskutieren, geht es letztendlich auch um die Fähigkeit, einem Menschen das Konzept für seinen Lebensstil selbst zuzutrauen und ihm die Möglichkeit zu geben, dieses für ihn fühlbar werden zu lassen.
Schön wäre es, wenn wir in unseren Studios auch diesem erweiterten, modernen Gesundheitsbegriff genügen und Gesundheit in diesem erweiterten Verständnis anbieten könnten. Denn solch ein Gesundheitskonzept spricht nicht nur die bereits anwesenden Fitnessinteressierten, Abnehminteressierten, Entspannungsinteressierten, Wellnessinteressierten usw. an dieses Konzept spricht jeden Menschen an! Und zwar insbesondere die Menschen, die zurzeit gar nicht auf die Idee kommen, ein Studio zu besuchen. Die meisten Menschen haben eine feste Meinung über das, was unsere Studios zurzeit an Angeboten präsentieren. Diese Meinung ist von uns maßgeblich in den letzten Jahren über unsere funktionsorientierten Gesundheitsangebote unterstützt worden. Viele Menschen empfinden beim Kontakt mit uns eine Ausrichtung zu einem Zwang zu mehr Leistung und vorgegebenen Lebensstilen für eine gute Gesundheit. Mit einer Gesundheitsverordnung, die aus vorgegebenen Sportaktivitäten, Ernährungsempfehlungen und Optimismusempfehlungen besteht, haben Menschen offensichtlich mehr Probleme als wir glauben. Auch das Einlassen auf autoritäre Anweisungsschablonen, in die Mitglieder eintauchen müssen, stößt bei einigen auf Widerstand.
Was können wir tun?
Könnte nicht auch unsere Branche sich auseinandersetzen mit aktuellen Themen und Fragen? Wäre es heute nicht wirklich an der Zeit, einem neuen, erweiterten Gesundheitsbegriff nachzugehen? Wie können wir Menschen, die eine umfänglichere Gesundheitsförderung suchen, in einem Fitness-Studio begegnen? Welche elementaren Prozesse können im Menschen selbst trainiert werden, die Gesundheit im weiteren Sinne (wie oben beschrieben) fördern? Inwieweit trägt dieser erweiterte Teil der Gesundheit ebenso kraftvoll zur Gesunderhaltung von Menschen bei, wie die auf Funktion ausgerichtete Verbesserung körperlicher Fähigkeiten? Warum existiert noch kein Angebot, bei dem das Training darauf ausgerichtet ist, dass Menschen ein glückliches, zufriedenes Leben führen können?
Die Beantwortung all dieser Fragen beschäftigt mich seit Jahren. In den nächsten Kolumnen werden diese Fragen Thema sein. Sehr gerne höre ich Ihre Meinungen und lasse mich von Ihnen inspirieren.
Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!
Juergen.Woldt@wellnessakademie.de



